Ein Textfragment als Resultat einer Email-Kommunikation, das ich gerne hier unverbindlich und unvermittelt veröffentliche:
“So fundamental der Gedankensprung von der Denkmals- und Stadtmöblierungskultur zur Kunst im öffentlichen Raum (KiöR) war, so fundamental ist die Notwendigkeit diesen Begriff heute einer Revision zu unterziehen. In der Regel verändern sich Auffassungen nur sehr langwierig, sind dann aber irgendwann so selbstverständlich und stabil, dass andere Praxisformen kaum mehr vorstellbar sind. In den Diskussionen um Kunst im öffentlichen Raun gelten diese Regeln nur bedingt weil sich im Windschatten einer öffnenden Debatte um Freiheit, Autonomie und Relevanz immer wieder der Zweck und die Funktion beigemischt hat. Monumente der Selbstvergewisserung, Denkmale als Teile der Repräsentationskultur, Platzgestaltungen, Leuchttürme und Landmarken sind letztlich auch in ihrer Zeit leicht durchschaubare Gestaltungen der herrschenden Machtverhältnisse – ohne große Zwischentöne sind es klare Zeichen. Zeichen gegen die aufbegehrt werden kann. Der Bruch mit dieser Tradition war ebenso notwendig wie halbherzig, aber verständlich: Sieht man sich in der Stadt um, so finden sich immer wieder soziale Konstruktionen, die Werke des Autonomen überhaupt erst ermöglichten. Die Ansammlung der dinglichen Gestaltungen ist mit einigen Ausnahmen vor allem eine Parade der städtischen Leistungsschau: Ein Defilee der Hamburger Hochschullehrer (Scharff/Walther/Rückriem/Bill/Graham) und deren Schüler, genauso wie Material gewordener Lobbyismus des Hamburger Bürgertums (Fleer, …).
Ein Bruch mit dieser aufgeklärten aber letztlich irgendwie auch halbherzigen Tradition bildet Park Fiction. Eine ortsbezogene Arbeit, die sich fernab der Strukturen aus der Notwendigkeit gestalterischen Handelns seinen Weg bahnt und die politische Grundfrage der Kunst: Wie wollen wir leben? auf vielfältige Weise mit Inhalt füllt. Nun ist aber für die Diskussion um KiöR dieser Bruch eben gleichsam das Problem. In der Vermischung von Kunst, sozialer Arbeit und Stadtgestaltung wird das künstlerische Moment immer ungenauer und sieht sich der totalen Verzweckung gegenüber, die weniger mit Kunst als vielmehr mit Stadtteilkultur zu tun hat. Seit Richard Florida generiert die Kunst ein fast Modernes Verständnis seiner eigenen Bedeutung. Angefüllt mit der Hybris der totalen Gestaltung, mäandert die Kunst, die den Stadtraum ernst nimmt zwischen sozialpolitischer Notwendigkeit, regionalem Gesellschaftentwurf und anwendungsorientierte Gestaltung, kurz: Design.
Wenn ein Stadtkurator heute eine Aufgabe hat, so kann man diese Aufgabe aus unterschiedlichen Perspektiven anschauen und alles erscheint einschüchternd, komplex, unlösbar, aber vor allem auch aufregend und lohnend: Zwischen Funktionalität, Repräsentation und Zweckfreiheit geht es um nicht viel weniger als um die Frage der Kunst insgesamt. Genausowenig wie man die Herstellung von Luxusartikeln als Kunst begreifen sollte, kann man buntangemalte Sozialarbeit ohne nachhaltige Verantwortung als Kunst durchgehen lassen. Die Arbeit an Fragen der Kunst im öffentlichen Raum ist eine Frage nach Erscheinungsformen genauso, wie eine Frage des Verhältnisses, der Beziehung und der Relevanz von Kunst an sich. Die Tatsache, dass es die Öffentlichkeit als eindeutigen Begriff immer nur als politischen und nie als sozialen Begriff gab, fokussiert dabei das Problem, denn das Politische mit der Öffentlichkeit ist dem Privaten mit den Öffentlichkeiten gewichen – zumindest im städtischen Raum. Die Frage ist zum Beispiel durch Annette Wehrmann, durch ihre Suche nach den Orten des Gegen formuliert worden. Dabei geht es in der freien Rezeption eben nicht um das politische oder private Gegen, sondern um die Suche nach ortsfixierten Möglichkeiten.
Nach allen Diskussion der letzten Jahrhunderte ist es dabei sehr wichtig sich zu vergegenwärtigen, was Kunst denn eigentlich kann oder ist. Der Vereinnahmung durch die Repräsentation, folgte die Vereinnahmung durch die Bildung: Kunst für alle war ja auch immer der Slogan mit dem die Kunst im öffentlichen Raum gerechtfertigt wurde. Mit einer gewissen Plötzlichkeit wurde Kunst zur Kunstpädagogik und auf ein Vermittlungsangebot reduziert wurde. Die Relevanz der Kunst im städtischen Raum – auch eine recht nebulöse Behauptung – wurde auf die Sozialstruktur der Räume reduziert und durch die Theorien des Gentry von der Kunst zur Kreativität umformuliert.
Bei alledem bleibt der Kern der Kunst unbearbeitet, vielleicht ist dieser Kern ja auch nur noch ein Mythos, aber immerhin hält dieser Mythos im Wissenschaftsbetrieb seit Jahren strukturellen Einzug: Kunst ist ein Mittel der Erkenntnis!!! Ein Mittel gibt nicht vor vermittelbare Erkenntnis zu sein, ein Mittel ist ein Mittel, vielleicht ein Medium, aber vor allem etwas, dass sich eben nicht in bestehenden Kategorien fassen lässt, weil diese Kategorien ja immer schon Resultat sind unter denen etwas zur pädagogischen Illustration wird.”