vorab(auszug)

studio“Medizingeschichte wird zur Sozialgeschichte wenn sich die Perspektiven erweitern: Der Blick auf die Patienten, auf die strukturellen Rahmenbedingungen, auf die Herrschaftsverhältnisse und Klassenunterschiede erweitert den medizinischen Blick und verwandeln die Krankheit in ein Symbol, in eine Folgeerscheinung, in ein gesellschaftliches Symptom. Das ist so etwas wie die Nebenwirkung einer Medizin, die sich der wissenschaftlichen Forschung verschreibt. Die Sehnsucht nach Erkenntnis ist von der Sehnsucht nach Heilung unterschieden und so folgen der Diagnose einer Krankheit und deren Behandlung immer auch die Fragen nach dem Warum? Spiritualität, Metaphysik und Glaubenssätze hatten in der Frage nach dem Warum so lange Bestand, bis die ersten Körper geöffnet, seziert und konzentriert begutachtet wurden, danach wurde es etwas komplexer und letztlich immer auch zwangsläufig politisch. Skorbut, Cholera, Pest, Kinderlähmung, Windpocken. Spätestens dann, wenn die Sehnsucht nach Erkenntnis befriedigt war und die Sterblichkeit aus dem göttlichen Strafkatalog in das menschliche Heilungsregister übertragen werden konnte, formulierte sich aus der Frage der Heilung auch die Frage der gesellschaftlichen Verhältnisse. Mehrheitlich hat das durch die Geschichte hindurch nur langsam etwas verändert aber immerhin: Das Sterben anderer ist ein ziemlich stichhaltiges Argument für allerlei Handlungen – manchmal.”

(Vorabauszug)
Chodzinski: Malkontista – Über das Mißvergnügen mit den Bedingungen (2015/16)
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die horizontalen

Foto 4“Wir müssen liegen, immer liegen… Settembrini sagt immer, wir lebten horizontzal, – wir seien Horizontale, sagt er, das ist so ein fauler Witz von ihm. [...]” Hans Castorp hörte das kaum. Der Mund stand ihm offen, denn er konnte nicht recht durch die Nase atmen, ohne daß er übrigens Schnupfen gehabt hätte. Sein Herz hämmerte in falschem Takte zur Musik, was er dumpf als quälend empfand. Und in diesem Gefühl von Unordnung und Widerstreit begann er einzuschlafen, als Joachim zum Heimgeghen mahnte. [...] Sie trennten sich vor Nummer 34 mit einem kurzen  Auf Wiedersehn. Hans Catorp steuerte durch sein Zimmer auf den Balkon hinaus, wo er sich wie er ging und stand, auf den Liegestuhl fallen ließ und, ohne die einmal eingenommene Lage zu verbessern, in einen schweren, von dem raschen Schlagen seines Herzens peinlich belebten Halbschlummer sank.”

Thomas Mann(1924/2008): Der Zauberberg, S.105
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rauchen

Foto 4“Das verstehe ich nicht!” sagte Hans Castorp. ” Ich verstehe es nicht, wie jemand nicht rauchen kann, – er bringt sich doch, sozusagen, um des Lebens bestes Teil und jedenfalls um ein ganz eminentes Vergnügen! Wenn ich aufwache, so freue ich mich, daß ich tagsüber werde rauchen dürfen, und wenn ich esse, so freue ich mich wieder darauf, ja ich kann sagen, daß ich eigentlich bloß esse, um rauchen zu können, wenn ich damit natürlich auch etwas übertreibe. Aber ein Tag ohne Tabak, das wäre für mich der Gipfel der Schalheit, ein vollständig öder und reizloser Tag, und wenn ich morgen sagen müßte: heute gibt’s nichts zu rauchen, – ich glaube, ich fände den Mut gar nicht, aufzustehen, wahrhaftig, ich bliebe liegen. [...] Denn es kann einem sehr schlecht gehen, – nehmen wir mal an, es ginge mir miserabel; aber solange ich noch meine Zigarre hätte, hielte ich’s auch, das weiß ich, sie brächte mich darüber weg.”

Thomas Mann(1924/2008): Der Zauberberg, S.71

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schreiben

schreiben

“Das war gar nicht so dumm von Ihnen, daß Sie Ihr Hamburg mal auf einige Zeit sich selbst überließen. Ist ja eine höchst dankenswerte Einrichtung, dieses Hamburg; stellt uns immer ein nettes Kontingent mit seiner feuchtfröhlichen Meterologie. [...] Also nun mal los mit Lustwandel! Aber nicht mehr als ‘ne halbe Stunde! Und nachher die Quecksilberzigarre ins Gesicht gesteckt! Immer hübsch aufschreiben! Dienstlich! Gewissenhaft! Sonnabend will ich die Kurve sehen. Ihr Vetter soll auch gleich mitmessen. Messen kann nie was schaden.”

Thomas Mann (1924/2008): Der Zauberberg, S.69
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delay’s five forces

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Zur aktuellen Diskussion um die neue Veröffentlichung von Jan Delay, soll hier ein kurzes Zitat aus dem Text: Kunst und Stadtenetwicklung. 2007 beigetragen werden. Zu finden ist dies in: Über stilvolle Bewegungen eines Pinsulaners in Städten und Organisationen – Backup 02 (2009), Seite 42-47:

“Und die Kunst verspricht auch noch, das alles zu tun, verspricht einen Plan, verspricht ein Ergebnis, die Kunst verspricht alles: An dieser Stelle wird in dem Vortrag das Stück ‘Kartoffeln’ von Jan Delay eingespielt, in dessen Text Jan Delay verspricht, mit wenigen Veränderungen innerhalb von 20 Jahren aus Bielefeld Manhattan machen zu können.
Aus Bielefeld Manhattan zu machen, zu behaupten, man könne dies aktiv, erinnert ein wenig an die letzten Tage Picasso, der aus Leinwand, Holz und Farbe ein millionenteures Kunstwerk schaffen konnte. Hier und auch anderen Stellen ist die Kunst das Versprechen auf Einlösung, auf Entwicklung und auf die Planbarkeit – zumindest ein bisschen.”

Eine ergänzende Analyse zu Gestaltungswillen und Stadtentwicklung finden Sie in dem Video zu Delay’s Five Forces des Tanzalphabetes unter dem Buchstaben ST.

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es war uns eine freude…

Allegorie_498361Auf diesem Wege herzlichen Dank an die zahlreichen Gäste der “Allgorie der Unsterblichkeit – Was Sie schon immer über Wachstum wissen wollten”. Es waren gute Abende, die von mal zu mal besser wurden. Ein paar Eindrücke sind nun auf dieser Seite zu sehen: hier

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noch 9 tage…

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Tim Jackson sagt: „Wir haben offenbar großes Interesse am Wohlbefinden des andern. Das es allen gut geht, ist ein allgemein menschliches Anliegen. Wir wollen, dass es uns gut geht, aber wir wollen natürlich auch, dass das in Zukunft so bleibt. Wir werden wohl kaum das Gefühl haben, dass das Leben glatt läuft, wenn wir damit rechnen müssen, dass morgen, ja morgen alles in die Brüche geht.”

In diesem Sinne: Guten Tag!

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Tanzalphabet

Nun also doch: Aufgrund immer wiederkehrenden Fragen und Wünschen zum Tanzalphabet wird nun nach und nach das gesamte Alphabet auf YouTube eingestellt werden und eine eigene Playlist erhalten.
a-f
Den Ausschlag zur vollständigen Veröffentlichung gab allerdings vor allem eine großartige Bücher- und Textspende, die ich dankenswerter und unerwarteter Weise erhielt. Eine Reihe von vergessenen und größtenteils nicht auffindbaren Texten zu den Themen Jugendkultur, Mode, Tanz und Subversion. Das Stöbern in diesen Büchern kontextualisiert das Tanzalphabet und vieles andere auch. So sollen die Texte in Auszügen geteilt werden und die Tänzen bilden den Anlass – mal klar und deutlich, mal abwegig und weiterführend:
g-l

“Einige Tänzer beginnen zu tanzen wie Kinder, die Lokomotive spielen. Die Arme angewinkelt, die eine Faust auf dem Rücken, die andere vor dem Magen, immer schneller die Arme vor und zurück schwingend, bringen sie sich in eine stampfende Bewegung. Das Beinwerk arbeitet mit Fixigkeit auf einem Quadratmeter, für die Armschwünge wird mehr Platz erobert.. Die rasselnden Rhythmen sowie Krach und Bewegung auf der Tanzfläche gleichen der Betriebssamkeit eines Maschinensaals.”
(FAZ vom 23. April 1966)

Zur Playlist.

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empathie with the devil

Die Empathie ist zu einem Schlagwort geworden, das die Paralyse gegenüber den herrschenden Bedingungen vielleicht auflockern kann. Das Klebrige an der Sache ist, dass die Wissenschaft sich dem Thema zu einer Zeit mit hoher Dringlichkeit annimmt, in der insbesondere Manager und die Wirtschaft im Allgemeinen ein erhöhten Bedarf in die Welt schreit. Seminare, Workshops und Incentives widmen sich der Empathie. Man kann das verachten, aber man kann auch konstatieren, dass dies die sichtbarste Reaktion darauf ist, dass die Produktionsmittel schon seit langem nur noch in unserer aller Köpfe vorkommen und sich Führung neu definieren muss. Wir können das aber auch als sichtbares Zeichen sehen unsere Produktionsmittel ernst zu nehmen und sie in einem Akt der Selbstermächtigung auch zu nutzen. Fühlen – Denken – Handeln
empathie

Ein interessantes Feature zum Thema Empathie sei deshalb allen ans Herz gelegt: Der Mensch, das emotionale Wesen von Frank Schüre. Denn: “Empathie ist In” sagt der Unternhemensberater Thorsten Schroer.

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rausgehen

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“Rausgehen ist fast immer richtig!” heißt es im neuen READ-MAGAZIN, welches in  ausgesuchten Gastronomien meist auf dem Weg zu den Sanitärräumen zu finden ist!Die Aussage ist richtig und sei folgendermaßen ergänzt: Bewegt Euch! Lest aufmerksam! Erfreut Euch an der “ironiefreien Albernheit”, an “White Bikes in Dark Ages” und vielem mehr! Mehr gibt es hier nicht zu sagen, denn READ hält “dieses Internet generell für leicht überbewertet” und hat damit wahrscheinlich auch recht.

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material

In 16 Tagen ist die Premiere der ALLEGORIE DER UNSTERBLICHKEIT – Was Sie schon immer über Wachstum wissen wollten! auf Kampnagel in Hamburg.
Die eifrige und geneigte BesucherIn kann deshalb bereits heute mit den Vorarbeiten beginnen: Vieles was nicht und vieles was gesagt werden wird findet sich auf einer Playlist zum Thema Wachstum auf Youtube. Eine öffentliche Materialsammlungen in der man sich angesichts der warmen Temperaturen draussen ruhig verlieren sollte, um einem etwaigen Sonnebrand vorzubeugen.

Wem die athmosphärische Einstimmung reicht schaut hier und freut sich schonmal auf’s Kommen!

 

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bald!!!

noch 24 tage bis zur premiere!
also kalender raus, karten besorgen, kommen und fertig! ich freue mich!

max clement foundation:
mcf_04_YT02_K_4862_Frank_Egel_KLdie allegorie der unsterblichkeit
was sie schon immer über wachstum wissen wollten
27. / 28. / 29. März – 20 Uhr – Kampnagel/Hamburg – K1

Es war ein kurzer Moment, in dem wir uns den samtweichen Verführungen hingaben, bevor uns das Unwohlsein, der Malkontentismus, gegenüber den herrschenden Bedingungen wieder einholte. Vieles lässt sich erklären, aber so sehr sich die intellektuelle Verwirrung auflöst, umso größer wird die Wut, der man ein ums andere Mal ausgeliefert gegenübersteht: Wachstum ist vom Heilsversprechen zu einem fast unauflöslichen Paradoxon geworden und paralysiert eine ganze Gesellschaft. Die Wette auf die unendliche Leistungsfähigkeit des Menschen fällt zunehmend schwerer – die Hoffnung auch. Ein Abend ohne Verklärungen und Heilsbotschaften, voller Berührungen, Fakten, Zweifel und Naivitäten mit großartiger Musik auf der Suche nach einer zaghaften Poesie der Wachstumskritik.

Eine Produktion von Chodzinski und Kampnagel. Gefördert durch die Kulturbehörde Hamburg.

Von und mit:
Armin Chodzinski , Gerd Bauder, Matthias Friedel, Nis Kötting und Herrn Armbrecht.
Produktionsleitung Markus Schwarzer. Dramaturgie: Franziska Schnoor

weitere Teaser: hier

KARTEN

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skyline berlin 1970

brehmerWieder ein Buchgeschenk, das die Schamesröte ins Gesicht schreibt: KP Brehmer: Alle Künster lügen (Katalog anlässlich der Ausstellung KP Brehmer: Alle Künstler lügen im Museum Fridericianum vom 4. Oktober bis 29. November 1998. Mit Textbeiträgen von René Block, Anna Brenken, Hubertus Butin, Gunnar Gerlach, Barbara Heinrich und S.D. Sauerbier. Ausstellungskonzeption: René Block.)

Irgendwie habe ich KP Brehmer nach einer kurzen Begegnung Anfang der 90iger Jahre ignoriert. Heute, mit dem Katalog in der Hand eine scheinbar ziemlich einfältige Handlung. Bei manchem visuellem Rauschen, das in diesem Buch einen komischen Klang produziert sind viele Arbeiten und Vorgehensweisen dokumentiert, die recht großartig sind und auf eine merkwürdige Weise eine vertraute Verkrampftheit gegenüber der Welt und der Kunst einnehmen. Also: Entschuldigung. Weitere Informationen und Bilder finden sich: hier.

 

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real life superheroes – playlist

Nach der 19teiligen Serie via Twitter zu den Reallife Superheroes geht die Begleitung der Show ALLEGORIE DER UNSTERBLICHKEIT vom 27.-29. März mit Sekundärmaterial in eine nächste Phase. Vorerst aber: Ergebnissicherung! Die Playlist auf Youtube, zusammenfassende Sätze hier:

Seit geraumer Zeit weist Frankreich neben dem Bruttoinlandsprodukt auch das Glück seiner Bürger in einem Index aus, denn – so auch eine nicht eben neue Erkenntnis – ab einem gewissen Einkommen ist das Glück durch Geld nicht mehr zu steigern. Und am glücklichsten ist man sowieso in Bhutan, aber da haben die Leute ja gar kein Geld, nur Glauben und Transzendenz. Dazwischen jault der liberale Chor von Milton Friedman, dass man nur alles in die privaten Hände geben möge und schon würde alles besser.
Wetten auf die Vernunft der Spezies werden entgegen genommen!
Verzicht… eine alte bürgerlich calvinistische Grundkonstante, ist Resultat einer tiefliegenden Erkenntnis.
Dagegen schrien vor allem die amerikanischen Punks mit More, More, More gegen an, aber die meinten etwas anderes als Konsum. Oder?
heroes

Und in den USA expandiert die Real-Life-Superhero-Bewegung, in der Einzelpersonen mittels eines kostümierten Rollenspiels versuchen zu handeln. Rescue Rick zum Beispiel, der nach einem Gartenunfall ein albernes Kostüm überstriff und nun Kleingärtner vor Unfällen bewahrt. Oder der ehemalige Soldat, der als DC’s Guardian in Washington die Bill of Rights verteilt. Oder der Ex-Djunky The Crimson Fist, der nach erfolgreichem Entzug auf den Strassen Atlantas Kriminelle verprügelt und Obdachlose beschützt.

Die Welt der Real Life Superheroes ist allerdings bedeutend komplexer: Handlöunsanweisungen und -aufforderungen Einzelner, die mit großer Ernsthaftigkeit die Albernheit im Gepäck haben. Eine beeindruckende Sammlung von Beispielen voller Berührungen, Verwunderungen und Irritationen findet sich auf der Playlist zum Thema!

Begleitend und ergänzend dazu kann man im kommenden wunderbaren READ_MAGAZIN einen guten Text lesen.

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